Bemalte Holzklötze

Ging man den Ententeich entlang, so gelangte man ganz am Ende des Weges zu einem Grillplatz mit mehreren Tischen aus Stein. Uralte Blutbuchen verbreiteten ihren Schatten. Serenus brachte sein Malwerkzeug hierher und breitete es auf einem der Tische aus, der halb versteckt neben den Hartriegelsträuchern stand. In einem kleinen Schuppen wurden Holzabfälle aus einem Sägewerk als Feuerholz gelagert. Serenus hatte sich zehn Klötze ausgesucht, die er zuerst weiß bemalte, um sie danach mit abstrakten Mustern in Schwarz und Rot zu versehen. Er hatte sich überlegt, wie er psychisches Leid sichtbar machen könnte. Weiß war die Farbe der Seele und der Unschuld. Rot war die Farbe des Blutes, der Wunden und des Schmerzes, Schwarz die Farbe des Bösen. Die bemalten Holzstücke sollten Fragmente der Seele darstellen.
Er wusste augenblicklich, dass es Agnes war. Die schmächtige Gestalt lief dem Ententeich entlang auf den Grillplatz zu. Ohne sich umzusehen, stürzte sie zum ersten Tisch, warf sich auf die Bank und verbarg ihren Kopf in beiden Armen. Sie zitterte am ganzen Körper. Die Zeit stand still. Sein Pinsel verursachte kein Geräusch. Serenus tauchte ihn in die Farbe und strich damit über die Jahrringe. In den Blutbuchen flüsterte der Wind. Später richtete sich Agnes auf. Ihr Gesicht war nass, ihr Blick ins Leere gerichtet. Ihre Finger klammerten sich um ihr Handy. Nach einer Weile erhob sie sich und wandte sich zum Gehen. Sie erblickte Serenus, lief weg, hielt nach zehn Schritten inne und kam langsam auf ihn zu.
Agnes betet, Taschenbuch-Ausgabe 2017,  S. 71-72

Weiter zur nächsten Seite »