Il Martirio di Sant’Agnese

Domenico Zampieri: Die Heilige Agnes, Ausschnitt. 300x450In einer Seitenkapelle in einer vergitterten Nische hing ein Gemälde. Beim ersten Hinsehen glaubte Serenus einen Bauer zu erkennen, der seine kranke Tochter in den Armen hielt. Das Mädchen hielt beide Arme weit von sich gestreckt und blickte mit aufgerissenen Augen zu dem Mann empor, der sich zu ihm herabbeugte. Erst jetzt sah Serenus, dass der Mann das Mädchen roh an seinen Haaren gepackt hielt, mit der anderen Hand stach er ihm den Dolch in die Kehle. Es war genau der Augenblick, in dem der Mann das Mädchen tötete. Serenus stand wie hypnotisiert vor dem Altar und konnte sich nicht von dem Bild lösen. Nach einer Weile entdeckte er die kleine Tafel an der Mauer: Il Martirio di Sant’Agnese 1624.
Er sah sich noch einmal in der Kirche um und ging den Weg durch den Kreuzgang zurück. Jedes Mal, wenn er stehen blieb, vernahm er das Echo seines letzten Schrittes. Er hielt den Atem an und lauschte. Als er wieder auf den Vorplatz trat, fühlte er, wie die Anspannung von ihm wich.
Nach dem Mittagessen schaltete Serenus  sein Notebook ein und googelte Martirio di Sant’Agnese. Ungläubig betrachtete er die Reproduktionen des kleinen Gemäldes, das er in der Kapelle entdeckt hatte. Es wurde einem Meister namens Domenico Zampieri zugeschrieben, der von 1581 bis 1641 gelebt hatte. Danach las er alles über die Heilige Agnes, was er finden konnte.
Agnes betet, Taschenbuch-Ausgabe 2017,  S. 45-46
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