20 Fragen an Raya Mann

Wann und warum hast du angefangen zu schreiben?
Damals verschlang ich Romane mit tausend und mehr Seiten. Ich hatte gerade Bis ich dich finde von John Irving ausgelesen und dachte: Den nächsten Wälzer schreibe ich selbst. Ich wollte wissen, ob ich es kann. Am 4. Juli 2005 setzte ich mich hin und begann zu schreiben, fast jeden Tag eine Seite. Ich schrieb zwei Jahre, machte ein Jahr Pause und schrieb wieder zwei Jahre. Am 24. Mai 2010 war mein Roman fertig. Er hatte über zwei Millionen Zeichen, also mehr als 1200 Taschenbuchseiten. Obwohl ich ihn für ein Meisterwerk hielt, war mir die Lust am Schreiben vergangen – für die nächsten vier Jahre.

Was bedeutet schreiben für dich?
Die Frage habe ich erwartet und mich darauf vorbereitet. Ich habe sechs Antworten gefunden und zusammen sind sie die ganze Wahrheit. Schreiben ist
– die Reibung zwischen Fantasie und Grammatik.
– die Produktion eines privaten Textes, der als kollektiver Text überdauern kann.
– Gedankenlesen in den eigenen Geheimnissen.
– eine Art Spurensuche, die nicht zum Wesen führt, dessen Spuren man verfolgt.
– das Sichfügen in die quälenden Verluste und unstillbaren Sehnsüchte.
– die Besiedlung der inneren Leere mit eignen Figuren und Gefühlen.

Woran schreibst du gerade?
Seltene Mädchen, meinen letzten Roman, habe ich Anfang April 2018 veröffentlicht. Davor habe ich die Hälfte eines neuen Romans geschrieben, der allerdings als Totgeburt endete. Seit seiner Beerdigung bin ich beurlaubt. Vielleicht dauert es eine Weile, bis ich etwas Neues anfange. Um schreiben zu können, brauche ich eine Geschichte, doch die habe ich zurzeit nicht.

Schreibst du autobiographisch?
Alle meine Erzählungen sind fiktional. Der Autor erfindet die Figuren, Handlungen und Schauplätze, weil der Leser das von ihm erwartet. Umgekehrt erwarte ich vom Leser, dass er sich das alles auch vorstellt und noch mehr und anderes hinzufügt. Ich selbst bin als reale Person im Text ebenso wenig vorhanden wie die reale Person des Lesers. Selbst wenn das Fiktive nicht nur aus Erfundenem sondern auch aus Vorgefundenem besteht, ist es falsch, von einem fiktiven auf einen wirklichen Sachverhalt zu schließen. Kürzlich hat eine schreibende Kollegin über Die eine wahre Liebe zu mir gesagt: „Das kann man nur schreiben, wenn man es selbst erlebt hat.“ Tatsächlich ist von all meinen Romanen dieser der unwirklichste.

Wo hast du deine Ideen her?
Die Geschichte fällt mir in den Schoß –  durch etwas wie Eingebung. Von einer Stunde zur anderen sind mir Plot und Spannungsbogen klar: die Abfolge der Ereignisse und ihre innere Logik sowie die Gliederung der Erzählung in Anfang, Mitte und Ende. Sogar Anzahl und Länge der Kapitel sind ziemlich genau vorgegeben. Der Rest fällt mir bei der Niederschrift ein. Für die erste Fassung von Agnes betet und Seltene Mädchen habe ich nur je zwölf Wochen gebraucht. Mühevoll und langwierig sind die Überarbeitungen, die Ideen sind geschenkt.

Wie lange schreibst du denn an einem Buch?
Ich brauchte 5 Monate für Agnes betet, 18 Monate für Die eine wahre Liebe und 9 Monate für Seltene Mädchen. Für die erste Fassung von Serenus brauchte ich vier Jahre beziehungsweise 2000 Stunden, was der vollen Arbeitszeit eines Jahres entspricht, und für das Kürzen und Überarbeiten nochmals 1 Jahr.

Wie baust du die Handlung auf?
Das hängt von der Konstruktion des Romans ab. Agnes betet und Seltene Mädchen sind lineare, der Chronologie folgende Erzählungen. Sie fangen einfach und übersichtlich an und werden bis zum Schluss immer komplexer und dramatischer. Sie enden dort, wo sich die Handlung zuspitzt. Serenus ist etwas wie ein Episodenroman, in dem jedes Kapitel eine in sich geschlossene Handlungsabfolge enthält. Die eine wahre Liebe besteht aus zwei gegenläufigen Ebenen, aber auf beiden ist dieselbe Ich-Erzählerin die Hauptfigur, auf beiden werden die Verstrickungen immer unübersichtlicher und schließlich im emotionalen Crescendo aufgelöst.

Welche Beziehung hast du zu deinen Figuren?
Innerhalb der von mir ausgedachten fiktiven Wirklichkeit sind für mich die Figuren überaus real. Es ist ihre Sinnlichkeit, die meine Beziehung zu ihnen ausmacht. Ich sehe sie vor mir, höre ihre Stimme, nehme ihren Geruch wahr. Sie verändern sich mit der jeweiligen Situation und über die Zeit hinweg. Meine Hauptfiguren sollen großes Identifikationspotenzial haben, aber nicht unbedingt ausgeprägte Sympathieträger sein. Die unangenehmeren Figuren sind entweder überzeichnet oder bloß skizziert.

Sind Emotionen in deinen Erzählungen wichtig?
Für mich ist das eine erzähltheoretische Frage und ich möchte sie erzähltheoretisch beantworten. Wenn der Romancier die Figurendarstellung ausweitet und vertieft, intensiviert er auch die Vorstellungen des Lesers vom Innenleben der Figur. Je reicher diese Vorstellungen sind, desto stärker sind auch ihre kognitive und affektive Wirkung. Die Figur ist also seitens des Lesers Gegenstand von affektiven und mentalen Prozessen. Aber ob er sich ihretwegen viele Gefühle und Gedanken macht, hängt in erster Linie vom Erzähler ab: Hat er die narrativen Mittel gezielt und wirkungsvoll eingesetzt?

An wen denkst du beim Schreiben?
Beim Schreiben bewege ich mich in der fiktiven Wirklichkeit, die ich in meinem fiktionalen Text darstelle. Währenddessen denke ich nicht an Personen meines realen Lebens, nicht einmal an den Leser.

Wie viel musst du für ein Buch recherchieren?
Die Hälfte der Zeit, die ich für das Manuskript aufwende. Die zahlreichen historischen und kunstgeschichtlichen Fakten in Agnes betet z.B. sind zuverlässig recherchiert. Doch den größten Aufwand bereitete mir Die eine wahre Liebe. Dem beruflichen Umfeld der Hauptfigur, einer Universitätsprofessorin für Sprachwissenschaft, habe ich relativ viel Raum gegeben. An die Linguistikvorlesungen, die ich als junge Studentin besuchte, konnte ich mich allerdings nicht mehr erinnern.

Wie sieht deine Arbeitsumgebung aus?
Mein Mac steht vor einem großen Fenster auf einem breiten Tisch, der jedoch mit Büchern und Zetteln bedeckt ist. Unterwegs schreibe ich auf einem Laptop.

Ist man als Schriftstellerin einsam?
Oh! Das ist die erste Frage mit „man“! Ich glaube nicht, dass Schriftstellerinnen oder Schriftsteller exzentrische oder zurückgezogene, weltfremde Kreaturen sind. Aber es gibt Aspekte der Schriftstellerei, mit denen ich mich allein fühle. Ich wüsste z.B. niemanden, mit dem ich über den Roman reden könnte, in dem ich gerade feststecke. Vielleicht macht mich manchmal auch das Gefühl einsam, dass niemand meine Bücher liest und niemand Rezensionen darüber schreibt.

Leidest du unter Schreibblockaden?
Ich weiß nicht, was das ist. Gibt es Menschen, die pausenlos schreiben können? Ich habe bereits erzählt, dass ich kürzlich einen halbfertigen Roman weggelegt habe und dass mir momentan zum Schreiben die dazu unerlässliche Geschichte fehlt. Falls ich keinen neuen Roman hinkriege, wäre Seltene Mädchen mein letzter gewesen. Na und?

Wie viel verdienst du an deinen Büchern?
Passender wäre die Frage, wie viel ich dafür aufwende. Meine Schriftstellerei ist ein teures Steckenpferd. Das Lektorat eines Buches kostet tausend Euro und mehr. Auch für Bildrechte gebe ich viel Geld aus, weil ich für ein Cover gleich mehrere Fotos kaufe. Nur der Typograf, der den Schriftsatz macht, arbeitet ehrenamtlich für mich.

Hast du Lieblingsautoren und literarische Vorbilder?
Schon seit vielen Jahren sind Ian McEwan, John Irving und Haruki Murakami meine Lieblingsautoren, drei routinierte Vielschreiber. Ich fiebere immer auf den nächsten Roman. Tote Schriftsteller interessieren mich nicht besonders. Es gibt Bücher, die mich zum Schreiben inspiriert haben. Nach der Lektüre von 1Q84 schrieb ich Die eine wahre Liebe und Seltene Mädchen wurde von Naokos Lächeln ausgelöst – beides Romane von Murakami. Ich habe aber nie versucht, wie jemand anderer zu schreiben. Nur wenn ich Elfriede Jelinek oder Patrick Modiano lese, denke ich jedes Mal: So möchte ich auch schreiben können.

Welche Gattungen und welche Genres schreibst du?
Es sind Liebesromane oder etwas Ähnliches. Vielleicht kann man sie auch als psychologische Romane, Entwicklungsromane oder Zeitromane bezeichnen. Aber solche Etiketten haben oft etwas Ungefähres und Willkürliches.

Welche Art von Büchern würdest du niemals schreiben?
Mein Spielraum ist sehr eng. Ich kann gar nichts anderes schreiben, also kein Krimi oder Thriller, weder Science-Fiction noch Fantasy noch Mystery, auch keine historischen oder Abenteuerromane, nicht einmal Softporno. Also muss ich solche Geschichten erzählen vom Leben in der heutigen Welt, von den Menschen und ihren Begegnungen.

Was kann man als Schriftstellerin falsch machen?
Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Natürlich kann man schlampig schreiben, z.B. einen schlechten Stil oder eine unsinnige Geschichte. Aber wenn das Manuskript wirklich gelungen ist, kann man alles nur noch falsch machen, denn es ist so gut wie unmöglich einen Verlag zu finden und genauso schwierig ist es, mit Selfpublishing Leser zu gewinnen. Aber es gibt einen Kapitalfehler: als Schriftstellerin berühmt und reich werden zu wollen.

Welchen Rat gibst du jungen Autoren?
Gönne deinem Manuskript ein Lektorat! Ein Buch zu schreiben ist keine besondere Leistung, denn die Arbeit beginnt erst, wenn das Manuskript fertig ist. Jemand, der wirklich etwas davon versteht, muss deinen Text gründlich durchleuchten und zerpflücken. Du findest die Schreibfehler, Stilblüten und Ungereimtheiten in deinem eigenen Text nicht. Zudem musst du erst noch lernen, deine Erzählung mit fremden Augen zu lesen und vor allem, Kritik anzunehmen.

16. Mai 2018