Canciones

Serenus blätterte in „Canciones“, um das Gedicht wiederzufinden, das ihm am besten gefallen hatte. Er setzte sich an den Tisch und machte sich an die Übersetzung. Es überraschte ihn, wie schnell er vorankam, und fragte sich, ob es ihm einfach leichtfiel oder ob er es sich nur leicht machte oder ob es an der Leichtigkeit der Verse lag. Er folgte dem spanischen Text und übertrug ihn fast wörtlich ins Deutsche. Dann überarbeitete er ihn Wort für Wort und suchte nach Wendungen und Ausdrücken, die seinem persönlichen Geschmack entsprachen. Er nahm sich nun Freiheiten heraus, die ihm bisher kühn erschienen waren.
Um die Dämmerung zu beschreiben, formulierte der Dichter: Cuando la tarde se puso morada, con luz difusa … Als der Abend violett wurde, mit diffusem Licht …
Daraus konnte er mehr machen, er musste es bloß anders angehen. Dank seiner Entschlossenheit brauchte er keine halbe Stunde für die Übersetzung. Das Ergebnis befriedigte ihn und er fertigte die Reinschrift an. Zum Schluss las er sich selbst den Text laut vor.

Die Kleine mit dem schönen Gesicht
Pflückt immer noch Oliven.
Der Wind wirbt um die Türme
Und um ihre Hüften.

Vier Reiter sprengen vorbei
Auf Andalusier Hengsten,
In Jacken aus Blau und aus Grün,
In schwarzen Mänteln – wie Raben.
„Mädchen, geh mit nach Cordoba!“
Doch die Kleine hört nicht hin.

Drei Stierkämpfer traben vorbei
Mit eng geschnürten Taillen,
In Trachten bunt wie Orangen
Mit alten silbernen Degen.
„Mädchen, geh mit nach Sevilla!“
Doch die Kleine hört nicht hin.

Als sich der Abend trübte
Wie welker dunkler Flieder,
Ritt ein Bursche heran,
Beladen mit Rosen und Lilien.
„Mädchen, geh mit nach Granada!“
Doch die Kleine hört nicht hin.

Die Kleine mit dem schönen Gesicht
Pflückt immer noch Oliven,
Den Arm des grauen Windes
Fest um ihre Hüften.

Serenus Roman Teil Eins, Taschenbuch-Ausgabe 2017, S. 304-306
Arbolé arbolé. Federico García Lorca, Canciones, 1921-1924