Cante jondo

In „Poema del cante jondo“ stieß er auf ein Gedicht, das ihm kurz und simpel erschien, aber als er sich ans Übersetzen machte, erwies es sich als noch unzugänglicher als das erste. Schon beim Kehrreim zerbrach er sich den Kopf, weil er sich nicht zwischen den Wörtern Taverne, Spelunke, Kneipe, Kaschemme, Schänke, Gasthaus und weiteren Synonymen entscheiden konnte. Sein Gefühl sagte ihm, dass die deutsche Taverne nicht der spanischen taverna entsprach. Spelunke und Kaschemme waren ungebräuchlich und passten nicht in ein Lied, während Kneipe zu viel Geborgenheit beinhaltete, als dass der Tod darin hätte ein- und ausgehen können. Serenus resignierte, strich Taverne durch und schrieb Schänke darüber.
Völlig indiskutabel waren „die tiefen Wege der Gitarre“ und die „fiebrigen Narden der Marine“. Solche pathetischen Metaphern ließen sich in keine Fremdsprache übertragen. Serenus sah ein, dass die deutsche Fassung ein Behelf bleiben musste, und brach seine Bemühungen ab. Mürrisch blickte er auf die Zeilen, die er geschrieben hatte.

Der Tod
Geht ein und aus
In der Schänke.

Schwarze Pferde ziehen vorbei
Und düstere Menschen
Zu den traurigen Läufen
Einer Gitarre.

Und es riecht nach Salz
Und nach Blut von Weibern
In den fiebernden Kelchen
Des Hafens.

Der Tod
Geht ein und aus
In der Schänke
Und aus und ein
Geht der Tod.

Serenus Roman Teil Eins, Taschenbuch-Ausgabe 2017, S. 289-290
Malagueña. Federico García Lorca, Poema del cante jondo, 1921

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